Samen und Rentiere

Rentiere sind halbwilde Nutztiere, die seit Jahrtausenden in Symbiose mit dem Menschen leben.

Die Kultur der Samen fußt auf der Rentierzucht. Sie waren die ursprünglichen Einwohner Nordskandinaviens und wurden über Jahrhunderte von den aus Mitteleuropa nachdrängender Völkern vertrieben oder unterworfen. Diese Entwicklung ging ähnlich vor sich wie der Unterwerfung der Indianer in Nordamerika. Man hat ihnen die Verfügung über die riesige Natur genommen (schließlich hatten sie ihre Ansprüche in keine Grundbücher eingetragen) und man unterdrückte Sprache, Religion und Kultur systematisch. Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts hat sich dies geändert. Die Samen haben heute den Status einer anerkannten Minderheit und werden intensiv gefördert. Streitigkeiten mit den Waldbesitzern wurden höchstgerichtlich geklärt und werden weitgehend von beiden Seiten anerkannt. Trotzdem wirken die Erfahrungen der Geschichte in der Erinnerung nach.

Die Nomadenkultur der Samen folgte dem Lebenskreislauf der Rentiere. Diese leben im Winter im Wald, weil sie hier vor der größten Kälte geschützt sind und unter dem Schnee etwas zu fressen finden, und im Sommer im Kahlfjäll oberhalb der Baumgrenze.

Wenn die Rentiere nicht zu großen Herden zusammengetrieben werden, leben sie in kleinen Gruppen, Meistens sieht man höchstens 10 bis 20 Rentiere zusammen herumlaufen, die auch sehr scheu sind und Menschen höchstens 50 m nahe an sich herankommen lassen.

Im Sommer ziehen sie sich gerne auf das Hochfjäll zurück, wo es wegen des meist vorhandenen Windes nicht so viele Mücken gibt und wo sie sich auch noch auf Schneefelder flüchten können, um ihren Peinigern ein wenig zu entgehen (funktioniert nach meiner Erfahrung bei Menschen nicht wirklich - jedenfalls hatte ich immer eher den Eindruck, dass einen die Mücken auf sonnigen Schneefeldern noch besser finden).

Große Herden kommen zusammen, wenn die Samen die Rentiere zusammentreiben, um sie zu markieren. Hierzu tut sich ein ganzes sameby (Samendorf) zusammen. Allerdings ist ein sameby kein Dorf in unserem Sinne, sondern umfaßt ein riesiges Areal. Zunächst werden unendlich lang erscheinende Zäune im Kahlfjäll aufgestellt bzw. repariert. Gegen diese Zäune treibt man die Rentiere, um sie in große umzäunte Koppeln zu treiben. Dies ist ein mehrtägiger Prozess, der heute mit Hilfe von Hubschraubern und querfeldein fahrenden Motorrädern stattfindet. Früher muss dies sehr, sehr mühselig gewesen sein, weil Rentiere natürlich viel schneller laufen als Menschen.

Wir haben einmal (unabsichtlich) im Weg einer solchen Riesenherde gezeltet. Zunächst sahen wir nichts und hörten nur einen Hubschrauber. Plötzlich kamen Sie dann wie eine Welle über den nächsten Hügelkamm. Unwillkürlich denkt man an Szenen aus Western, wo Cowboys riesige Rinderherde treiben, die dann alles platt walzen. Aber Rentiere sind in diesem Sinn völlig harmlos. Sie strömten einfach links und rechts an unserem Zelt vorbei. Und im Gegensatz zu Rinderherden geschieht dies trotz hunderter von Tieren fast lautlos.

Die Rentiermarkierung erfolgt nicht mit Brandeisen, sondern dadurch, dass die jeweilige Samenfamilie ihr Zeichen in das Ohr eines Rentieres schnitzt.

  • Aus der im Gehege befindlichen Herde wird eine kleine Gruppe Tiere (30 bis 50) abgetrennt und in ein kleineres Gehege getrieben.
  • Dann gucken die Samen, welches Kalb zu welcher Renkuh gehört - wie sie dies in dem Gewirbel erkennen, ist ihr Geheimnis.
  • Hat man die Kuh zum Kalb, weiß man wem das Kalb gehört. Ein mit der "Buchführung" beauftragter Same ruft nun den Namen und einer aus der betreffenden Familien greift sich das Kalb, setzt sich drauf und mit einer blitzschnellen Handbewegung wird das Zeichen in das Ohr geschnitzt. Da die Ohren der Rentiere offensichtlich nicht durchblutet sind, ist dies ein schneller, sauberer Vorgang. Abends liegen dann nur hunderte von Ohrteilen im Sand.
  • Anschließend wird das Kalb wieder freigelassen und findet sein Muttertier nach einigem Gemuhe wieder.

Wenn man besonderes Glück hat, kann man beobachten, wie ein Kind sein erstes eigenes Rentier bekommt. Es soll das Tier dabei selber fangen, festhalten und markieren. Natürlich helfen ihm die Erwachsenen dabei, aber es sieht schon ein wenig drollig aus, wenn die Kinder nicht viel größer sind als die Kälber.

In einem durchschnittlich großen Samendorf dauert dieser Prozess etwa eine Woche. Es ist harte Arbeit - das merkt man auch, wenn man nur mal zwei Stunden zuguckt. Diese sog. Rentierscheide findet im Juli statt, bei Ljungdalen oberhalb von Ljungris (siehe auf Fotos auf der Fotoseite).

Im Herbst findet ein ähnlicher Prozess statt, nur dass dann die Tiere nicht markiert werden, sondern die Schlachttiere ausgewählt werden. Dies konnten wir aber noch nie beobachten. In Folge von Tchernobyl werden die Schlachttiere aber nicht mehr wie früher ausgewählt und geschlachtet, sondern sie müssen erst einige Zeit im Stall gefüttert werden.

Rentiere sind neugierige Tiere. Es ist uns mehrfach beim Zelten im Kahlfjäll passiert, dass sie unser Zelt intensiv erschnüffelt haben. Liegt man still, hört man dann das Klack-Klack ihrer Hufe und ihren schnaufenden Atem. Leider sind sie aber normalerweise sehr scheu und lassen einen höchstens auf 50 m an sich herankommen.

Nur auf Straßen sind sie nicht scheu. Immer wieder stehen sie allein oder in der Gruppe mitten auf der Straße und gehen nur zögernd beiseite, wenn sich Autos nähern. Oft müssen sich diese im Schritttempo vorbeischlängeln. Achtung: Man sollte nie denken, dass ein Rentier auch wirklich nach rechts oder links wegläuft, wenn man langsam daran vorbeifährt: Plötzlich schlagen sie einen Haken in die andere Richtung. Also nicht zu früh Gas geben!

Rentiere sind Nutztiere. Hauptsächlich verkaufen die Samen Fleisch und Felle. Wer einmal auf einem Rentierfell im Schnee wohlig warm gelegen hat, wird andere Sitzunterlagen nur noch als zweite Klasse empfinden. Ein dickes Rentierfell wärmt und hält trocken. Das Fleisch schmeckt ähnlich wie Wildfleisch und wir können es nur wärmstens empfehlen. Im ICA in Ljungdalen gibt es immer welches in der Tiefkühltruhe. Ein größeres Fleischangebot sowie samisches Kunsthandwerk gibt es zudem in allen Geschäften in Funesdalen und in Bruksvallarnas Rökeri.

 

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